Haben Sie sich auch schon über verdreckte Züge, mit Müll überhäufte Strassen und Plätze, über mit Abfall übersäte Pärke, Wiesen, Bachborde oder Wälder geärgert?

Dann geht es Ihnen etwa ähnlich, wie vielen 20-Minuten Lesern, welche sich unlängst in einem Artikel äussern konnten, als in einem Artikel über die sich türmenden Abfallberge auf Wiesen berichtet wurde.
In knapp 95% der Leserkommentare wurde das Wegwerfen von Abfall in der Natur verurteilt, mit teilweise pointierten Aussagen, wie

 

  • Anstatt Bussen sollten die erwischten Litterer zu ein paar Wochenenden Abfalldienst verdonnert werden. Am besten in ihrer Freizeit an schönen Wochenenden. Manchen tut das mehr weh als eine Busse.
  • Anscheinend haben viele Leute keine Erziehung genossen. Es scheint nur noch eine verwöhnte egoistische Gesellschaft, die sich alles erlaubt. Eine extrem hohe Busse scheint der einzige Weg zur Erziehung.
  • Die Einführung von Depots, speziell auf Alu Dosen, könnte schon ein wenig zur Abfallminderung beitragen.
  • Der Abfall wird ja eh weggeräumt.....genau wie von Mutti zu Hause...Da ging offensichtlich in der Erziehung etwas völlig vergessen!
  • Littering sollte bestraft und mit einer Geldbusse geahndet werden; wie in Singapur oder anderen Ländern.
  • Müll einfach mal 2 - 3 Wochen liegen lassen, vielleicht fühlen sich die Leute sich sogar noch wohler.
  • Bei diesen Kommentaren muss ich leider feststellen, dass wir in der Schweiz viele Halbschlaue haben.
  • In Japan gibt es weder Abfalleimer noch hinterlassener Müll auf der Strasse. Würde jeder seinen Müll mit nach Hause nehmen, wenn die Eimer überlaufen zu drohen, gäbe es solche unschönen Bilder nicht. Dann kämen wir dem japanischen Vorbild einen Schritt näher.
  • Null Anstand
  • Erst vor kurzem gesehen, wie ein Erwachsener seinen Kaffeebecher 3 Meter neben dem Mülleimer auf den Boden stellte. Meine 3-Jährige Tochter rief ihm zu, er hätte etwas vergessen. Er nahm’s wieder auf, schmiss es aber dann den Bach runter. Bei solchem Benehmen hilft wohl auchkeine Busse mehr...
  • Nachhause nehmen
  • An alle Faulen. Wenn ihr keinen Platz findet in den Kübel. Macht es so wie ich. Zuhause wegschmeissen dann kann man auch trennen.
  • Macht endlich was. Es ist wirklich haarsträubend, wenn man den Abfall sieht. Überall liegt der Müll auch bei den Autobahnaus/Einfahrt sind die Wiesen voll Müll das darf doch einfach nicht wahr sein. Wieso kann man den Müll im Auto nicht mit nach Hause nehmen und erzieht die Kinder mal endlich ordentlich. Und die Gemeinden und Städter sind selber schuld dass es soweit gekommen ist man hat vielerorts die Kübel weggeräumt und wenns ein Kübel hat einen Mini Kübel was soll das, ist dasselbe mit den Kübeln mit Aschenbecher alles weg.Wir zahlen genug Kehrrichtgebühr also macht was, sogar beim Hafen und beim Camping zahlt maAbfall einfach liegenlassen. Beim nächsten schönen Wochenende setzt sich sicher niemand mehr dorthin.. möglicherweise könnten einige Litterer etwas merken.
  • Mehr Mülltonnen: Das ist eine ganz faule Ausrede...man kann den Müll wieder mitnehmen! Was mitgebracht wir soll auch wieder mitgenommen werden...und nicht einfach liegengelassen werden, weil einer zu faul ist das Zeug zu einem Mülleimer zu tragen.
  • Wie wäre es mit weniger Abfall produzieren generell? Das wäre auf prinzipieller Ebene die bessere Lösung, auch umwelttechnisch gesehen.

Lediglich einige wenige fanden, dass das Problem nicht bei dem liegt, der den Müll wegwirft, sondern zeigten ein gewisses Verständnis für die Müllentsorger.

  • ·         Ach so. Es gibt jetzt Leute, die einen Abfallsack mitnehmen zum Wandern…Was haben die denn vorher gemacht? Alles einfach den Hang runtergeschmissen? Ein paar Mal kann ich kaum fassen, was ich für Aussagen ich lese.
    schiins: Wie ist denn das Verpackungsmaterial dorthin gekommen?
  • ·         Es braucht mehr Mülltonnen und vor allem grössere in solchen Parks. Schon klar, sind die Mülleimer überfüllt, wenn wir sie kleiner machen und mit einer Platte bei den Schlitzen verschraubt sind, welche es unmöglich machen, grösseren Abfall zu entsorgen. Erwartet ihr, dass wir das ganze Zeug einfach herumschleppen?
    schiins: Der eine oder andere würde vermutlich sogar noch seinen Abfallsack von zuhause mitnehmen und dort entsorgen, nur weil es gratis ist. Das Essen und die Getränke habt ihr doch vorher auch mit euch rumgeschleppt.
  • ·         Warum nicht an schönen Wochenenden 1 Fr. Abfallgebühr pro Gruppe verlangen und zwei Leute einstellen, die rumgehen und alles gleich einsammeln.
    schiins: Ach so, nicht für die Ursache, sondern für das Symptom eine Lösung suchen. Das ist auch eine Idee.
  • ·         Wie wäre es, wenn man im Sommer ein paar zusätzliche Container aufstellt? Erwartet man wirklich, dass alle mit riesigen Müllsäcken durch die Gegend fahren? Sehr hygienisch. Das würde in keinem anderen Land funktionieren.
    schiins: Das muss eine ganz grosse Familie sein, die einen riesigen Müllsack benötigt. Wie viele Fressalien da wohl mitgenommen wurden?

Zu denken geben sollte einem, dass 95% der Leser das Müllwegwerfen veruerteilen, während lediglich etwa 5% kein Problem damit zu haben scheinen, oder mindestens ein gewisses Verständnis zeigen.

  • ·         Sind die 20minuten Leser umweltbewusster, als der Durchschnitt der Bevölkerung, welche sich an den Wochenenden in den Parks herumtummelt?
  • ·         Oder umgekehrt gefragt, können 5% Schmutzfinke wirklich für eine solch desaströse Situation verantwortlich sein?
  • ·         Falls ja, schauen die anderen 95% reinliche Leute einfach so zu, ohne etwas zu sagen oder sich zu wehren.?
  • ·         Lassen sich 95% der Menschen wirklich einfach von einer 5%-tigen Minderheit durch den «Dreck» ziehen?
  • ·         Sind Leserkommentare in 20minuten vielleicht dermassen gefiltert, dass das Resultat nicht mehr repräsentativ ist?
    Falls ja, würde das heissen, dass 20minuten uns durch das selektive zur Verfügung stellen von Informationen gewollt oder ungewollt zu manipulieren versucht.
  • ·         Sind vielleicht die 95% der vermeintlich Anständigen doch nicht so Ordentlich, wenn sie nach draussen in die Natur gehen?

Jedenfalls könnte man bei dieser Betrachtung beinahe den Schluss ziehen, dass 5% der Menschen ihren Müll in der Natur entsorgen, während die 95% nichts oder wenig dagegen unternehmen. Im Gegenteil, sie lassen diese 5% gewähren, machen die Faust im Sack und/oder gewöhnen sich langsam resigniert an das Littering. Der eine oder andere wird am Schluss selber zum Litterer, weil es «die Anderen» ja auch machen, obschon jeder genau weiss, dass es uncool ist.

 

 

Die grundlegende Frage ist vermutlich jedoch, warum die Menschen ihren Müll so unbedacht, hemmungs- und schamlos wegschmeissen, obschon jeder weiss, dass dieser in der Natur und auf dem Boden öffentlicher Plätze nichts zu suchen hat?

Littering-Experten zufolge ist das Wegwerfverhalten situativ und wird viel weniger durch den Charakter bestimmt, als von der jeweiligen Situation und den sozialen Einflüssen. Grund für ein verändertes Verhalten sei neben dem erhöhten Alkoholkonsum das Gefühl, dass gewisse Situationen das Liegenlassen von Müll rechtfertigen.

Es entstehen situative Formen von Masse und Macht. Eine heterogene Gruppe von Individuen trifft scheinbar zufällig aufeinander um ungezwungen Zeit «miteinander» zu verbringen. Die Menschen trinken, sind ausgelassen und man will sich nicht absondern. Obschon viele der Gruppe einander nicht kennen, ist eine Gemeinschaft entstanden. Wie in jeder Gruppe, fällt kaum der Bescheidene und Kultivierte auf, sondern das Alfa Tierchen. Es handelt sich dabei kaum um denjenigen, welcher in der Schulzeit als Primus galt, sondern eher um denjenigen, welcher aufgrund fehlender schulischer Qualifikationen auf andere Art Aufmerksamkeit auf sich ziehen musste, nämlich indem er sich cool gab. Sich cool geben, verwechseln viele Menschen mit «sich nicht an Regeln halten». Solche coolen Typen gibt es in jeder Gruppe.
Sie fallen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln auf und in unserem Beispiel von Littering halten sie sich nicht an die ungeschriebene oder auch geschriebene Regel, den Abfall im dafür vorgesehen Abfalleimer zu entsorgen, sondern auf dem Boden. Weil der Coole den Abfall so entsorgt, wird er von anderen Coolen imitiert, womit wir so vielleicht auf die etwa 5% Litterer kommen, welche sich in 20 Minuten zu Wort gemeldet haben.
Weil die Kultivierten, Umweltbewussten und Anständigen sich nicht wehren, sondern dem Frieden zuliebe schweigen, findet das Müll verteilen zusätzliche Nachahmer. Von den ursprünglichen 95% der Littering-Gegner fragen sich immer mehr, warum sie sich den die Mühe machen sollen, den Abfall korrekt zu entsorgen, wenn «so viele andere» einfach alles auf den Boden werden. Die Hemmungen schwinden und eine immer grössere Menge fühlt sich der Moral und dem Anstand nicht mehr verpflichtet. Es entwickelt sich eine Eigendynamik und ehe wir es uns versehen, werden aus normalerweise gesitteten Menschen regelrechte Schmutzfinke.

Eine kleine Minderheit hat es also geschafft, der grossen stillen grundsätzlich anständigen Mehrheit ihren Stempel aufzudrücken und dafür gesorgt, eine Mülldeponie zu hinterlassen. Ein grosser Teil der Mehrheit hat mit ihren Verhalten jedoch direkt oder indirekt dabei Mitverantwortung übernommen, indem sie wider Überzeugung ebenfalls zu temporären Schmutzfinken wurden, oder stillschweigen zugeschaut haben.

Die Situation hat einige Analogien zu dem, was Brigitte Witzer in ihrem Buch «die Diktatur der Dummen» schreibt.

Weil die Besonnene und Rücksichtsvolle Mehrheit schweigt, sich nicht wehrt und die selbstherrlichen schreienden und coolen Typen nicht in die Schranken weist, überlassen wir ihnen das Feld.

Wir lassen zu, dass Anstand und Moral erodieren und Grenzen sukzessive zu unseren Ungunsten verschoben werden.

Wenn wir also wirklich nur etwa 5% eingefleischte, hartgesottene Hardcore-Litterer unter uns haben, dann trägt die Mehrheit eine gewisse Mitverantwortung, weil sie zulässt, dass einige Schmutzfinke ein solches Ghetto anrichten können.

Denn schweigen heisst in gewisser Weise auch, Verantwortung zu übernehmen, indem zugelassen wird, dass eine solch uncoole Minderheit der Mehrheit von Ordentlichen etwas aufzwingt, was diese gar nicht möchte und eigentlich wider deren Wertvorstellung ist.

Wollen wir unsere Welt wirklich denen überlassen, deren IQ sich vermutlich um Zimmertemperatur herumbewegt?

Die Antwort kann unseren Kindern und der Natur zuliebe nur nein sein. Sich lediglich verbal zu wehren nützt jedoch erfahrungsgemäss nicht sehr viel und die Fehlbahren einfach nur blosszustellen, macht diese auch nicht unbedingt besser.  Viel wichtiger ist, dass wir unseren Kindern und anderen Erwachsenen ein gutes Vorbild sind und uns wir diesen durch Taten und nicht nur durch Worte empfehlen.

Ein gutes Vorbild zu sein – und dies nicht nur in den eigenen vier Wänden – ist nicht selten ein sehr gutes Rezept.

 

 

 

 

 

 

 

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